Barbara Lüdecke: Lintorf

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Der Bau der ev. Kirche

 

 

Am 20. August 1867 war es soweit: die Lintorfer evangelische Kirche wurde geweiht. Ein lang gehegter Traum der Gemeinde hatte sich erfüllt. Und das wurde ordentlich gefeiert.

Was für ein Fest!

300 Gäste waren zum Mittagessen und 500 zum Kaffee geladen. Die Quittungen belegen, dass nicht geknausert wurde: 300 Pfund Schweinefleisch, 75 Pfund Rindfleisch, 3 Pfund Rinderfilet, 200 Pfund Kartoffeln und 150 Pfund Bohnen, 8 Pfund Reis, 54 Maaß Milch, Eier, Birnen und 150 Flaschen Wein. 250 Pfund Mehl und 25 Pfund Butter wurden zu Kuchen verarbeitet und 15 Pfund Kaffee aufgebrüht.

Leider konnten nicht alle geladenen Gäste teilnehmen – ein Grund mögen die Reisebedingungen gewesen sein, die verständlich werden, wenn man den Brief liest, den Pfarrer Johann Gottlieb Nourney aus Baerl nach dem Fest an den Lintorfer Pfarrer schrieb:

Lieber Bruder!
Noch zehre ich am Nachgenuß der freundlichen Aufnahme in Ihrem patriarchalischen Pfarrhause und dem dort gefeierten so reichen und schönen Weihefeste und werde noch lange daran zehren. Das sind Tage, die der Herr schafft und macht, daß wir uns freuen und fröhlich darinnen sein sollen. […]
Meine Rückreise ging zunächst durch Ihre Freundlichkeit bis Großenbaum, dann per Dampf bis Duisburg glücklich vonstatten. Daran reihte sich eine höchst langweilige und Schweiß erpressende Postwagenfahrt bis Ruhrort und den Beschluß machte eine noch heißere und mühvollere Wanderung mit Reisegepäck von Homberg nach Baerl, wo ich ermüdet und von Schweiß durchnäßt, übrigens aber frisch und wohlgemuth gegen ½ 10 Uhr abends ankam, mein einfaches Abendbrot und darnach ein Pfeifchen mir wohlschmecken ließ, danach der durchnäßten Kleidung mich entledigte und bis in den späten Morgen vortrefflich schlief und mit Dank gegen den Herrn munter erwachte. [...]
In brüderlicher Hochachtung und Liebe
Ihr
J.G. Nourney
Baerl, den 21. August 1867

Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestand in Lintorf eine selbständige reformierte Gemeinde. Es gibt keine genauen Zahlen, aber 1611 waren es 17 Familien, die eine Zeit lang einen eigenen Pfarrer hatten. Um 1635 schlossen sie sich der Ratinger reformierten Gemeinde an.

1845, also gut 200 Jahre später, möchten die Lintorfer Evangelischen ihre alte Gemeinde wieder aufleben lassen.
Es gibt im Landesarchiv Duisburg eine dicke Akte dazu, die die gesamte Korrespondenz mit der königlichen Regierung in Düsseldorf enthält. Mit dabei auch eine vom Bürgermeister aufgestellte Liste der Steuer- und Vermögensverhältnisse der „Lintorfer Evangelischen“.

Die „Lintorfer Evangelischen“, das sind demnach die Familien von acht Ackerleuten mit eigenem Land, zwei Ackerleuten mit gepachtetem Land, zwölf Tagelöhnern mit einer eigenen Kathstelle [einem kleinen Häuschen mit Garten], fünf Kleingewerbetreibenden, 28 Tagelöhnern ohne Eigentum und 17 armen Personen. Insgesamt 210 Personen, davon 43 schulpflichtige Kinder.

Der Bürgermeister vermerkt dazu, dass Lintorf die notorisch ärmste Gemeinde im Kreise sei und auch die Familien der 28 Tagelöhner ohne Eigentum als bedürftig zu betrachten seien. Dass diese nicht mit in der Rubrik der armen Personen aufgeführt seien, läge lediglich daran, dass sie nicht unterstützt werden, da es der armen Gemeinde an Armenmitteln fehle.
Trotz allem tragen die „Lintorfer Evangelischen“ der königlichen Regierung in einem Schreiben den Wunsch nach einer eigenen Gemeinde mit der folgenden Begründung vor:

  1. dass sie schon früher eine eigene Gemeinde gebildet und einen eigenen Pfarrer besessen haben und die Gemeinde nie aufgehoben wurde;
  2. dass sie jetzt „220 Seelen stark sei“;
  3. dass sie 1 bis 1 ½ Stunden von der Kirche zu Ratingen und ihrem dortigen Pfarrer entfernt wohnen und besonders zur Winterzeit durch schlechte, sumpfige Wege damit in Verbindung stehen;
  4. dass sie auch einen Betsaal, der im oberen Stock ihrer evangelischen Schule hieselbst angebracht ist, besitzen; eine Kanzel und Bänke noch vorhanden sind;
  5. dass sie gesetzlichen Anteil an dem Kirchhof, so wie auch am Turm und Glocken der Katholischen Kirche haben;
  6. dass sie im Besitz eines Kapitals von 413 Talern sind, welches für die hiesige evangelische Gemeinde bei der Gemarken-Teilung als rentirlicher Anteil ausgezahlt werde;
  7. dass ihnen von den Gebrüdern Stein in Düsseldorf die Summe von 300 Talern als Beitrag für ein neues Pfarrhaus zugesagt worden ist;

Unterschrieben ist das Dokument von 26 Haushaltsvorständen: 

 

Probleme bei der Finanzierung

Da sie die Mittel für ein Pfarrergehalt nicht selbst aufbringen können, bitten sie die Regierung um Übernahme des Gehalts. Für ein Pfarrhaus hat man schon eine erste Spende in Höhe von 300 Talern der Düsseldorfer Familie Stein erhalten. Die hatte früher ihren Betrieb in der einstigen Heintges-Schmiede (dort, wo heute das ehemalige Lintorfer Rathaus steht). Und man bittet darum, für die noch notwendigen 900 – 1.200 Taler eine Hauskollekte in der Rheinprovinz durchführen zu dürfen.

Es gibt ungezählte Meinungen, Gutachten, Korrespondenz und es sieht erst einmal gar nicht gut aus für die Lintorfer.
Lintorf hat zu dieser Zeit ungefähr 1.200 Einwohner, ca. 1.000 Katholiken und ca. 200 Evangelische. Die Katholiken gehen noch in eine alte, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert stammende, romanische Kirche, die sich aber in einem sehr schlechten baulichen Zustand befindet. Im Jahr 1868 wird sie abgerissen und anschließend durch die heutige St. Anna Kirche ersetzt werden.

Bei ihren Bemühungen um die erneute Selbständigkeit kommt den Lintorfer Evangelischen die Nähe zur Pastoralgehülfen- und Diakonenanstalt in Duisburg, der Keimzelle der heutigen Theodor Fliedner Stiftung, zugute. Deren Inspektor Engelbert, der Lintorf von seinen Spaziergängen her kennt, sowie Kandidaten der Pastoralgehülfen- und Diakonenanstalt halten ab September 1849 alle 14 Tage am Sonntagnachmittag Gottesdienst im Betsaal des Friedrichskothen.

Mit ihrer Hilfe wird auch der „Rüping“ gekauft. In dem nahezu baufälligen Haus wird am 17. März 1851 das Asyl eröffnet, indem Pastoral-Kandidat Eduard Dietrich zusammen mit einem Diakon und zwei Asylisten einzieht. Ab jetzt leitet Eduard Dietrich die nun wöchentlich stattfindenden Gottesdienste im Friedrichskothen, nimmt sich seelsorgerisch der Gemeinde an und bemüht sich um die Rekonstituierung.

Im gleichen Jahr wählt die Gemeinde einen provisorischen Gemeindevorstand, die sogenannten „Repräsentanten“. Sie kamen regelmäßig zusammen und führten Protokoll über ihre Sitzungen.

                                                            

 

Auch wenn nicht alle schreiben und lesen können, der Wunsch nach einer eigenen, selbständigen evangelischen Gemeinde verbindet.

Aus den Protokollen des Presbyteriums

Es dauert noch drei weitere Jahre mit vielen Verhandlungen, bis am 30. Mai 1854 die Rekonstituierung der Gemeinde begangen wird. Die Protokolle der Repräsentanten, und später des Presbyteriums, vermitteln einen Einblick in die Probleme und Sorgen der Gemeinde.

Anfänglich werden vorrangig organisatorische Angelegenheiten beredet. Es wird festgelegt, dass die Presbyteriumssitzungen an jedem ersten Donnerstag des Monats nachmittags um 16.30 Uhr stattfinden und „daß ein Jeglicher der zu einer ordnungsmäßig berufenen Versammlung eine halbe Stunde zu spät kommt 1 Silbergroschen und 6 Pfennig Strafe bezahlt und daß, wer ohne genügende Entschuldigung ganz fehlt 3 Silbergroschen Strafe bezahlt. Genügende Entschuldigung gewähren nur: Krankheit, Reise und Todesfälle. Die eingezahlten Strafgelder fließen in den Armenfonds.“

Schon 1854 beschäftigt man sich damit, dass ein Küster und Organist gewählt werden müsse. Dessen Aufgabenbereich wird im Protokoll festgehalten. Da heißt es unter anderem: „sobald die Gemeinde im Besitze von Glocken ist, auch das Geläut in später näher festzustellender Weise zu besorgen. Dafür gewährt ihm die Gemeinde einen Gehalt von 30 Thalern. Leider kann sie zwar, solange ihre Mittel so beschränkt sind, keine Garantie für Aufbringung dieses Gehaltes bieten, sie verspricht aber erstlich, sich auf das Ernstlichste für die Aufbringung zu bemühen und zweitens die Auszahlung dieses Gehaltes allen unvorhergesehenen Ausgaben vorangehen zu lassen“

Die Gemeinde besitzt auch ein Harmonium - Lehrer Hagen hat das Geld hierfür vorgestreckt und die Gemeinde erklärt sich später bereit, die Restschuld von 19 Talern als Gemeindeschuld anzuerkennen und ihm auszubezahlen. Das Presbyterium „fügt aber den Wunsch bei, daß der Lehrer Hagen den Versuch macht, genannte Summe, wenn auch nur theilweise durch Kollekte bei Freunden der Gemeinde rückzuerstatten“.

Die Unterstützung der Armen ist stets Thema in den Presbyteriumssitzungen und immer wieder findet man Einträge wie „Es wird dem H. Bergmann die Anschaffung von zwei Hemden und zwei Paar Holzschuhen für seine beiden Pflegekinder aus unsern Armenmitteln bewilligt.“ oder „Die Familie Wollftorf soll, solange der Mann im Kaiserswerther Krankenhause ist, wöchentlich ein ganzes Brot haben.“ oder „Der Ackerer H. Tackenberg am Brandt ist darum eingekommen, daß ihm aus der Kirchenarmenkasse das Schulgeld für eines seiner in die ev. Schule gehenden Kinder gezahlt würde. Presbyterium beschließt bis auf Weiteres für dessen Sohn Wilhelm das Schulgeld aus kirchlichen Armenmitteln zu zahlen.“ oder „Der Johanna Schmitz soll die Confirmationskleidung aus der Armenkasse gegeben werden.“ und „Der Frau Witwe Ikelrath soll 2 ½ Silbergroschen Zusatz gegeben werden zu ihrer bisherigen Gabe von 5 Sgr pro Woche.“

Wächter der Moral

Natürlich stehen die Seelsorge und das Seelenheil aller ganz oben an. Dem Presbyterium ist es sehr an Sittlichkeit gelegen und natürlich daran, dass keine einzige Seele abtrünnig wird, indem z.B. eine Ehe mit einem Andersgläubigen eingegangen wird. Und so ist in den Protokollen zu lesen: „Stina Frings bittet um Wieder-Zulassung zum H. Abendmahl. Es wird beschlossen, daß wenn sie das schriftliche Versprechen ihres Mannes bringt, daß die in der Ehe gezeugten Mädchen evangelisch werden sollen, sie zu Weihnachten wieder zugelassen werden soll.“

Die Enge des Betsaales im Friedrichskothen ist nicht nur aus Platzgründen problematisch und das Presbyterium ordnet an: „daß beim Ausgang aus dem Gottesdienste zuerst die Männer und danach die Frauen den Betsaal verlassen. Presbyterium hält dies bei den äußerst engen Räumlichkeiten für wohl wohlanständiger.“

Tief betroffen ist das Presbyterium von einer im Mai 1860 abgegebenen Erklärung des Pfarrers:
„Es gereicht mir zum tiefsten Schmerze, anzeigen zu müssen, daß ein Mitglied unseres Presbyteriums mit Schimpf hat aus demselben treten müssen. Gerüchteweise hörte ich gestern, daß die kath. Magd des Kirchmeisters Friedr. Ritterskamp von demselben geschwängert worden sei und zwar noch zu Lebzeiten von dessen jüngst verstorbener Ehefrau. Sofort ging ich zu demselben um ihn über den Sachverhalt zu befragen und leider ! bestätigte sich das Gerücht als völlig wahr. Es ist selbstverständlich, daß der gen. Ritterskamp, der ein so greuliches Ärgerniß der Gemeinde gegeben hat, keinen Tag mehr sein Amt inne haben kann und es soll daher am Sonntag den 3. Trinitatis sofort zur Neuwahl eines Kirchmeister geschritten werden. Wir können dabei nur von Herzen den Herrn bitten,
daß er sein Angesicht in Gnaden zu uns wenden und uns vor ähnlichem Greuel in aller Folgezeit behüten und bewahren wolle.“

Ohne Geld keine Kirche

Der Wunsch nach einer eigenen Kirche nimmt weiter Form an. Im Protokoll des Presbyteriums vom 25. Mai 1857 ist der Bericht des Superintendenten Wächtler nach einer Kirchenvisitation wiedergegeben:
„Es stellte sich heraus, daß diese junge Gemeinde alle Anzeichen ihrer selbstständigen Entwickelung verrathe, in ihrer öffentlichen Sitte durchaus sich keiner besonderen Gebrechen zu schämen habe, durch Ordnung, Eintracht u. Willigkeit im häuslichen u. öffentlichen Leben lobenswerth dastehe, mit ihrem Vorstande u. Pfarrer in guten Einvernehmen lebe u. mit ihrer Schule zufrieden sei. Mit großem Dank wurden die Gaben, durch welche im vorigen Jahre von Sr. Majestät dem König mit 1000 Rtl u. durch die Provinzialsynode mit 100 Rtl ein Pfarrgehaltsfond gegründet worden war, erwähnt. Das Presbyterium beschloß auch, da eine eigene Kirche sich immer mehr als nothwendig herausstelle, darauf zu sparen, daß ein Kirchenbaufond gebildet werde, dessen feststehende Einnahme etwa eine jährliche Hauskollekte bildete.“

Ein Kirchenbau sowie die Beschaffung der Geldmittel muss für eine derart kleine Gemeinde sehr gut durchdacht werden. Die jährlichen Einnahmen der Gemeinde betragen etwas über 400 Taler. Dem gegenüber stehen laufende Ausgaben in Höhe von 377 Taler. Alle Möglichkeiten, das notwendige Kapital zusammen zu bekommen, werden geprüft. Die Idee einer wöchentlichen „Pfennigsammlung“ wird schnell wieder verworfen. Stattdessen werden die an Festtagen für die „Kirchlichen Bedürfnisse der Gemeinde“ abgehaltenen Kirchenkollekten jetzt für den Baufond verwandt. Zusätzliche Kirchenkollekten erfolgen an den beiden bisher kollektenfreien Sonntagen.

Es steht außer Frage, dass die neue Kirche in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses gebaut werden soll. Der Garten des Nachbarn Peter Tröster wäre hierfür geeignet und Pfarrer Dietrich nimmt Verhandlungen mit seinem Nachbarn auf. Der aber stellt für den Verkauf seines Gartens inakzeptable Forderungen.

Anfang 1858 verfügt die Gemeinde bereits über 3.750 Taler, darunter auch ein Kapital von ca. 1.600 Talern, das zwar noch in der Ratinger Gemeinde verwaltetet wird, aber den Lintorfern aus ihrer früheren Selbständigkeit gehört.
Dann ist es endlich so weit: Am 1. ApriI 1862 beschließt das Presbyterium, die Kirche zu bauen. Es wird ein Kirchenbaumeister mit einem Kostenvoranschlag für einen einfachen Kirchenbau beauftragt. 10.500 Taler soll das Projekt kosten. Alle evangelischen Familien werden aufgefordert anzugeben, welches Opfer sie in den kommenden 3 Jahren für den Kirchenbau auf sich nehmen können.

„Spenden-Marathon“

Eine nicht unbeträchtliche Unterstützung erhält die kleine Lintorfer Gemeinde von den verschiedenen Gustav-Adolph-Vereinen . Man druckt Ende 1863 bei J. Ewich in Duisburg zweihundert sogenannte „Hülferufe“ und verschickt sie im ganzen Land. Im selben Jahr steuern nur der Zweigverein in Duisburg 10 Taler und der Niederländische Hauptverein in Leiden 28 Taler bei. Doch bereits 1864 fließen von überall her, z.B. aus Arnstadt, Peterswaldau, von der Synode Agger, den Vereinen in Hermanstadt, aus Brünn, Leiden, Breslau, Nieder-Oestrich und Prag insgesamt fast 190 Taler ein. Zwischen 1865 und 1869 erhält die Lintorfer Gemeinde weitere Spenden aus Kiel, Elberfeld, Tarnowitz (Oberschlesien), Duisburg, Leiden, Leipzig, Mediasch (Siebenbürgen), Wien, Berlin, Mönchengladbach, Barmen, Schmalkalden (Thüringer Wald), Bremen, Köln, Düsseldorf, Halle a.d.Saale, Altena, Hamburg, Breslau, Essen und Elberfeld. Die Unterstützung aus den Gustav-Adolph-Vereinen beläuft sich schließlich auf insgesamt 2.349 Taler.

Die Regierung genehmigt auch eine Hauskollekte, die vom 1. Juli 1863 bis zum 1. Juli 1864 durchgeführt werden soll. Pfarrer Dietrich erklärt sich bereit, in den Städten des Niederrheins die Kollekte über mehrere Tage hinweg zu starten. Lehrer Hagen will den oberen Teil der Provinz, Kreuznach, Saarbrücken, Trier, Koblenz und die anderen oberen Rheinstädte besuchen. Carl Wendel und Heinrich Eigen melden sich für den Kreis Mettmann, Wilhelm Tackenberg von der obersten Mühle für den Kreis Duisburg, Wilhelm Schinnenburg für den Kreis Düsseldorf, Heinrich Bergmann für den Kreis Rees und Heinrich Haase gibt an, dass er nach Belieben zu verwenden sei. Außerdem wird der „Colporteur“ (heute würde man sagen „bezahlter Spendensammler“) Schlömann aus Speldorf angestellt, um in den entfernteren Gegenden die Kollekte abzuhalten.

Diese Hauskollekten sind recht mühsam, wie ein Schreiben des Lehrers Hagen vom 17. September 1863 aus Oberwinter zeigt:

„Lieber Herr Pastor!
Meine ersten Nachrichten sind nicht sehr erfreulich.
Als ich am Montag in Coblenz ankam und den Herrn Kehr besuchte, rieht mir derselbe aufs dringlichste davon ab in Coblenz zu beginnen, weil sowohl das Militair, als das Gerichtspersonal, von welchem wir die meisten Gaben erhalten müßten, abwesend seien. Weitestens 14 Tage, bis 3 Wochen sollten wir warten. Als ich darauf äußerte, dann würde ich durchreisen nach Kreutznach u.s.w. eröffnete er mir die Mittheilung, daß er dort jetzt am kollektieren sey, und ich also mit seinem Collectanten zusammen treffen würde, wobei ich jeden falls den Kürzeren zöge, da er als Kreuznacher gewiß den Vorzug vor uns haben würde.
Er rieht mir vielmehr, wieder zurück zu gehen nach Neuwied, dieses, so wie die untern Orte und darauf Düren, Aachen p.p. und dann wieder nach Coblenz, Kreuznach usw zu reisen. Ich bin seinem Rathe in so fern gefolgt, daß ich zurück gekehrt. In Neuwied konnte ich trotz vielen Bittens die polizeiliche Erlaubnis nicht ehe, als Montag d 21ten erhalten weil die selbst am Kollectiren wären […] so habe ich Andernach, Linz und den hiesigen Ort abgemacht. Königswinter war mir auch wieder verschlossen, weil der Herr Pastor bis Morgen verreist ist. Ich mache also heute Remagen ab und morgen u Samstag Königswinter, Honnef. Worauf ich dann wieder am Samstag in Neuwied zu sein gedenke um einen ruhigen Sabbat zu feiern. […]“

Der Kirchenbau geht in die Planungsphase

Pfarrer Dietrich schreibt befreundete Pfarrer mit der Bitte um die Baupläne ihrer Kirchen und ihre Erfahrungsberichte an. Jedoch kann niemand mit bereits vorhandenen Plänen dienen und so wird Baumeister Christian Heyden aus Barmen mit dem Erstellen eines Plans beauftragt. Christian Heyden (ein Schwiegersohn des Düsseldorfer Baumeisters Adolph von Vagedes) gilt als hervorragender Baumeister. Etliche Kirchen, öffentliche Gebäude sowie Fabrikanten-Villen und Fabrikbauten sind auf ihn zurückzuführen. Doch das Presbyterium und Baumeisters Heyden kommen nicht zusammen. Zu verschieden sind ihre Vorstellungen. Der Streit um Pläne und Kosten landet schließlich vor Gericht und endet 1864 in einem Vergleich, bei dem Christian Heyden 75 Taler für zwei eingereichte Baupläne erhält. Viel Geld für die kleine Lintorfer Gemeinde.

Im März 1864 bietet Johann Heintges, ein Zimmermann aus Düsseldorf, an, eine Skizze der geplanten Kirche nach Angabe der Baukommission zu erstellen. Johann Heintges ist ein Nachkomme der früher in Lintorf ansässigen Schmiede Heintges und weist in seinem Schreiben auch auf seine Verwandtschaft mit der Lintorfer Familie Kemmann hin.

Aufgrund dieser Skizze - für eine kleinere Kirche und nach den Wünschen des Presbyteriums - wird von Regierungs- und Baurat Krüger in Düsseldorf ein neuer Bauplan erstellt.

Ein Bauplatz ist trotz anhaltender Verhandlungen mit den Nachbarn immer noch nicht gefunden. Trotzdem werden schon die ersten Verträge für Materialien abgeschlossen. Anton Kienen und G. Maikamp sollen ab November 1864 Bruchsteine für das Fundament bereitstellen, die kostenfrei bis zum 1. April 1866 an der Bruchstelle verbleiben können. Noch ist man sich uneinig, ob die Kirche „durch Verding in Bausch und Bogen“ oder durch Beauftragung eines Baumeisters gebaut werden soll. Nach vielen Diskussionen wird ein Baumeister beauftragt, der das Projekt leitet, für die Anschaffungen sorgt, die Lieferungen und Arbeiten verdingt usw. Eine der vertraglichen Bedingungen lautet, dass bis zum 1. November 1866 der Rohbau und bis zum 1. Juli 1867 der gesamte Bau vollendet sein wird. Im November 1865 wird ein entsprechender Vertrag mit Baumeister Kersten aus Duisburg abgeschlossen.

Als man sich im März 1866 doch noch mit Peter Tröster auf den Kauf bzw. Tausch des Grundstücks neben dem Pastorat einigt, ist die Freude der Gemeinde groß.

„Die Repräsentation erkennt einstimmig an, dass dies der einzig passende Kirchplatz ist, den man überhaupt hier finden könne, ferner daß ihr der gebotene Preis durchaus entsprechend erscheint und freut sich, dass sie endlich einen Bauplatz gefunden hat, der in allen Stücken den Anforderungen der Nützlichkeit u. Schönheit entspricht.“

Es wird im Presbyterium immer wieder diskutiert und gerechnet, ob man sich nicht doch einen Turm leisten kann. Aus Kostengründen wird ein kleines Dachtürmchen favorisiert. Mittlerweile sind aber auch einige der von Pfarrer Dietrich angefragten Ratschläge seiner Amtskollegen eingegangen. Und darin wird ganz eindringlich von einem solchen Türmchen abgeraten. Der Pfarrer aus Dülken schreibt. „Nur Eins rathe ich von vorneherein ab. So schön es auf dem Papiere aussehen mag mit dem kleinen Thürmchen, so unpraktisch ist diese Einrichtung. Ein Portal muß man doch bauen, und die Thurmspitze auch. Wenn man nun das Portal zum Unterstück eines besonderen Thurmes macht, so ist die Sache nicht so übermäßig viel theurer, und man gewinnt in der Kirche selbst Raum u. Schönheit, falls man eine Gallerie bauen will, und nun die Treppe in den Thurm legen kann. An der Treppe selbst spart man zugleich wieder so u. so viel, weil die im Thurm halb so einfach und ebenfalls auch halb so schmal sein kann.“

Grundsteinlegung und Baubeginn

Am Montag, den 19. März 1866 wird in einer öffentlichen Feier mit großer Beteiligung von nah und fern der Grundstein gelegt. Vom Bau eines Giebeltürmchens sieht man nun endgültig ab. Ein Turm soll vorläufig bis zur ersten Etage gebaut werden und als Vorhalle zur Kirche dienen. Im ungünstigen Fall wird der Turm über der Halle mit einem Notdach geschlossen und der Ausbau auf bessere Zeiten verschoben.

Nachdem der oben erwähnte Vertag mit Baumeister Kersten unter Dach und Fach war, wurden noch im Dezember 1865 Verträge zur Lieferung von Ziegelsteinen, Kalk- und Zementlieferungen abgeschlossen. Von Johann Radmacher an den Kämpen bei Angermund werden 110.012 Stück geliefert, von A. Kemperdick 64.226 Stück. Der Transport erfolgt durch die Fuhrleute Haselbeck und Eick. Abgeladen werden sie von Bewohnern des Asyls, das 16 Silbergroschen pro Arbeiter und Tag abrechnet. Die Kosten für die dazu benötigten fünf Paar Handschuhe übernimmt die Gemeinde. Die Handwerker und Lieferanten für den Bau stammen aus der näheren Umgebung. Das Ausschachten und die Maurerarbeiten erfolgen durch den Ratinger Maurermeisters Gruiten, dessen Gesellen und Arbeiter. Die Fassadensteine (1.600 Stück) werden von der Firma Carl Bernhard Lizius in Duisburg geliefert.

Das Bauholz wird beim Förster am Wüstekamp, einige kleinere Baumaterialien bei J. Holzapfel & Co in Ratingen gekauft. Das Aufbauen einer Bretterbude und eines Abtritts auf dem Kirchbauplatz erfolgt durch den Lintorfer Schreinermeister Friedrich Decker. Der Steinhauer Wilhelm Waldorf aus Duisburg und F. Kellner liefern Pfeiler, den Sockel für den Altar, Fensterbänke, Türbogenstücke und das Giebelgesims. Drei eiserne runde Turmfenster und Schieferplatten für den Turm werden von August Kersten aus Duisburg geliefert. Fenstereisen und andere kleinere Eisenwaren liefert Wilhelm Nökel aus Ratingen, die meisten Schmiedearbeiten werden jedoch von B. Unterbarnscheid ausgeführt. Dachziegel kommen von Anton Eick aus Ratingen. Latten, Nägel und alles, was zum Dachdecken benötigt wird, bringt der Dachdecker Adam Sprenger aus Breitscheid mit. Die Kallen (Dachrinnen) liefert und montiert Wilhelm Voesbein aus Ratingen. Die Kupferkugel für die Kirchturmspitze kommt von Johann Meyer aus Duisburg.

Viele Hilfsarbeiten werden durch Gemeindemitglieder erledigt, die hierfür mit 15 – 16 Silbergroschen pro Tag entlohnt werden. Karl Wendel wird als Fuhrmann tätig. Das Kirchentürschloss sowie Schild und Drücker werden mit 2 Schlüsseln von Peter Rosendahl aus Lintorf angefertigt. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Artikel „Ein Faß Cement mit der Cöln-Mindener Eisenbahn – Eilgut für Pfarrer Dietrich in Lintorf 1867“ von Thomas van Lohuizen in Quecke Nr. 69 (1999), Seite 192ff.

Die verbleiten Kirchenfenster sind nicht billig und man entscheidet sich für die Fachfirma Dr. H. Oidtmann & Comp. in Duisburg, eine „ Fabrik von Mousselinglas, gemalten Kirchenfenstern, gravierten und gemalten Borden, Rosetten, Jalousiefenstern etc.“. Die Fenster werden mit der Eisenbahn nach Calcum geliefert und dort mit Fuhrwerken abgeholt.

Eine Orgel (sehr wahrscheinlich ist das 1853 angeschaffte Harmonium gemeint) wird von Orgelbauer Friedrich Leichel vom Betsaal in die Kirche transportiert und es werden noch zwei kleinere Reparaturen vorgenommen. Die Kirchenbänke und auch die Kirchentür werden von Zimmermeister J. Heintges, der auch Fenster einbaut, geliefert. Ein Opferkasten für 15 Taler kommt von Friedrich Leichel in Duisburg, die Altardecke und den Klingelbeutel liefert R. Kruse, ebenfalls aus Duisburg. Auch Ludwig Gerber, der die Anstreicherarbeiten übernimmt, ist in Duisburg ansässig. Die Glocken stammen von Edelbruck in Gescher.
Als am 3. Mai 1867 feststeht, dass das vorhandene Geld für den Kirchbau nicht ausreicht, leiht August Kemmann der Gemeinde 1000 Taler zu einem Zinssatz von 4 % jährlich.

Schon im Mai 1867 stellt man fest, dass die neuen Kirchenfenster undicht sind und es rein regnet. Der Hersteller Oidtmann empfiehlt folgendes: „… wenn Sie es nicht der Zeit überlassen wollen, daß die Fenster von selbst ganz dicht werden durch daß Oxidiren des Blei, wir Ihnen keinen besseren Rath geben können als an den Fenstern die Fugen mit Kreide und gekochtem Leinöl anstrichen und dann mit trockenem Sägemehl abreiben zu lassen und wird nachdem dieses geschehen wohl schwerlich mehr Wasser durchkommen. Wir sind jedoch überzeugt daß wenn die Fenster noch einmal ein Jahr gestanden auch ohnedem fast gar keine oder nur so geringe Feuchtigkeit durchdringt daß es nicht der Mühe lohnt davon zu sprechen. Bei ganz neuen Fenstern ist es bei der solidesten Verbleiung fast unmöglich daß bei stürmischem Wetter in der ersten Zeit gar kein Regen durchdring, wenn nicht obiges Verfahren geschieht, weßhalb Sie wenn nicht anders dasselbe auch in Anwendung bringen lassen wollen.“

Einweihung der neuen Kirche

Die Akte über den Kirchbau im Archiv der evangelischen Kirche umfasst über 1000 Belege, angefangen von den ersten Kostenvoranschlägen bis zur Einweihung der Kirche. In einer Auflistung der „Geschenke“ zu besonderen Anlässen sind die Eckdaten des Kirchenbaus auf einen Blick ersichtlich:
19. März 1866 Bei der Grundsteinlegung erhält Maurermeister Grüten 5 Taler.
2. Juni 1866 Beim Richtfest erhalten Maurermeister Grüten und Zimmermann Heintges jeweils 5 Taler.
5. Juli 1866 Für den ersten Stein an Dachdecker Sprenger 15 Silbergrochen
21. Juni 1867 Zum Richtfest beim Turm erhalten Maurermeister Gruiten und Zimmermann Heintges je 5 Taler und für Bier wird 1 Taler 3 Silbergroschen und 8 Pfennig bezahlt.
1. Juli 1867 Für den ersten Stein beim Turm erhält der Dachdecker 1 Taler.
8. Juli 1867 Beim Hahnaufsetzen bekommt der Dachdecker ebenfalls 1 Taler.

Am 20. August 1867 wird die Kirche feierlich eingeweiht. Leider ist das gedruckte Programm nicht in den Akten vorhanden, es finden sich nur Notizen über den Ablauf. Die Feier beginnt mit Gesang und einer Ansprache im alten Betsaal. Dann zieht die Gemeinde zur neuen Kirche. Dort folgt nach der Ansprach des Baumeisters die Übergabe des Schlüssels. Gleichzeitig mit der Öffnung der Kirche beginnt das Läuten.

Der Ablauf in der neuen Kirche ist nur in Stichworten notiert: Gesang der Gemeinde, Liturgie des Superintendenten, Weiherede des General-Superintendenten, Gesang der Gemeinde, Rede des Präses der Provinzial Synode Nieden, Gesang, Predigt, Gesang der Gemeinde. Schlusswort. Schlussgesang unter Glockengeläut, wobei die Gemeine sich erhebt.
Die eingangs beschriebene Nachfeier findet in einem neben der Kirche errichteten Zelt statt. Alle hauswirtschaftlichen Vorbereitungen sowie die Bewirtung hat Frau Haase, die Hausmutter des Asyls, übernommen.
Es mag verwunderlich erscheinen, dass die Gemeinde für eine derartig große Feier noch Geld erübrigen konnte. Aber Speisen und Getränke waren für die Besucher nicht umsonst, denn in den Akten ist eine Notiz enthalten, dass für Essen 85 Taler, für Wein 46 Taler und für Kaffee 73 Taler eingenommen wurden.

Auflösung der Baukommission

Als alle Rechnungen vorliegen steht am 9. Dezember 1867 fest, dass noch 1.000 Taler fehlen. August Kemmann bietet das Geld zu den gleichen Bedingungen wie schon zuvor an.

Am 30. August 1868 wird die Baukommission aufgelöst, Pfarrer Dietrich übergibt die Quittungen und das Kassenbuch an das Presbyterium. Die Einnahmen für den Kirchenbau betragen zu diesem Zeitpunkt 8521 Taler, 1 Silbergroschen und 2 Pfennig, die Ausgaben 10520 Taler, 1 Silbergroschen und 8 Pfennig. Von den Geschwistern Kemmann wurde zu 4% 2.000 Taler aufgenommen. Somit besteht noch ein Defizit von 1 Taler und 6 Pfennig.

Schon im März 1868 musste das Dach nachgebessert werden. Ein Gehilfe und 1 Lehrling haben 4 Tage lang Löcher bedeckt und eingeklammert.

Einen Ofen für die Kirche kann man sich erst zwei Jahre später leisten. Der Kamin wird von Maurermeister Habig hergestellt und der Ofen von W. Hollenberg, Dampfschleiferei, Eisengießerei, Ofen- und Decimalwaagen-Fabrik in Mülheim/Ruhr geliefert.


Dieser Artikel wurde 2018 in der Zeitschrift des Vereins Lintorfer Heimatfreunde "Die Quecke" Nr. 88 veröffentlicht.

 

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